Was ist Natural Horsemanship?
Grundlagen, Philosophie und Praxis
In Fachliteratur und Trainingslehren wird Natural Horsemanship meist als die Kunst definiert, pferdegerecht, verständlich und fair mit dem Partner Pferd umzugehen. Ziel dieses Ansatzes ist der Aufbau einer harmonischen Partnerschaft zwischen Mensch und Tier, die auf gegenseitigem Vertrauen, Sicherheit und klarer Kommunikation basiert.
Doch was bedeutet dieser Ansatz konkret für den Stallalltag und das tägliche Training? Ein fundiertes Horsemanship basiert im Wesentlichen auf zwei Säulen: der inneren Einstellung des Menschen und der praktischen Anwendung von Körpersprache und Trainingsmethoden.
1. Die innere Einstellung: Das Wesen des Pferdes verstehen
Natural Horsemanship setzt voraus, dass das Pferd in seiner Natur als Flucht- und Herdentier uneingeschränkt akzeptiert wird. Der Mensch übernimmt dabei die Rolle einer verlässlichen Führungspersönlichkeit, ohne das Tier zu unterdrücken.
Kernaspekte einer pferdegerechten Einstellung:
Umfassendes Fachwissen: Ein tiefes Verständnis für das natürliche Verhalten, die Bedürfnisse sowie die Lernpsychologie des Pferdes ist unverzichtbar.
Klare Kommunikation und Fairness: Führung entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Konsequenz, Berechenbarkeit und Souveränität.
Erlernen der Pferdesprache: Der Mensch muss lernen, die feine Mimik, Gestik und Körpersprache der Pferde zu lesen und diese im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten gezielt einzusetzen.
2. Die Praxis: Das Prinzip „Wer bewegt wen?“
Wer eine Pferdeherde beobachtet, erkennt schnell die grundlegenden Muster der herdeninternen Kommunikation. Rangordnungen und Raumansprüche werden im Wesentlichen über eine zentrale Frage geklärt: Wer bewegt wen?
Das souveräne Tier veranlasst das Gegenüber dazu, den Platz freizugeben. Bei gut eingespielten Herdenmitgliedern reichen dafür minimale Signale wie ein gerichteter Blick oder eine leichte Veränderung der Körperspannung.
Übertragung auf das Training mit dem Menschen
Der Mensch nutzt dieses Prinzip, um als verlässliche Führungsperson anerkannt zu werden. Dabei gilt es jedoch, wesentliche Unterschiede zu berücksichtigen:
Kein Kopieren von Härte: Wenn Pferde untereinander drohen oder bei ungeklärter Rangfolge zwicken und treten, darf dies nicht eins zu eins vom Menschen imitiert werden. Da Pferde den Menschen unbewusst auch als potenzielles Raubtier wahrnehmen, erzeugen aggressive Gesten Angst und Zerstörung von Vertrauen.
Stressfreies Lernen: Schmerz und Angst lösen beim Pferd Stress aus. Unter Stress ist die Aufnahme- und Lernfähigkeit des Gehirns jedoch blockiert.
Nutzen des Verstandes: Der Mensch nutzt durchdachte Techniken, um Raumansprüche einzufordern. Ein Weichen lassen der Vor- oder Hinterhand erfolgt primär über Körpersprache, gebündelte Energie oder weichen, nachgiebigen Druck – stets ohne körperliche Gewalt.
Indem der Mensch den Platz des Pferdes gedanklich beansprucht und diesen Wunsch über eine klare, stufenweise gesteigerte Körpersprache signalisiert, lernt das Pferd, dem Druck ruhig und willig zu weichen.