Wenn das Pferd durchgeht:
Ursachen erkennen und richtig reagieren
Starrer Blick nach vorne, erhobener Kopf und Vollgas – auf einem durchgehenden Pferd zu sitzen gehört zu den Horrorszenarien vieler Reiter. Doch was tun, wenn das Pferd wirklich durchgeht? Und wie lässt sich das Durchgehen schon im Vorfeld verhindern? In diesem Beitrag erfährst Du, warum Pferde durchgehen, woran Du es frühzeitig erkennst und wie Du im Ernstfall richtig reagierst.
Warum gehen Pferde durch?
Wie beim Buckeln gibt es auch für das Durchgehen viele mögliche Ursachen. Ein durchgehendes Pferd befindet sich jedoch immer im Fluchtmodus: Es handelt rein instinktiv – und dieser Instinkt sagt: weg, und zwar so schnell wie möglich.
Ausgelöst wird der Fluchtreflex häufig durch Erschrecken vor einem Gegenstand, einer Bewegung oder einem Geräusch. Auch Schmerzen können die Ursache sein – drückt etwa der Sattel auf einen schmerzenden Rücken, kann das zum kopflosen Losrennen führen. Hinter wiederholtem Durchgehen stecken nicht selten Rückenprobleme wie Kissing Spines.
Seltener rennen sich Pferde im Galopp regelrecht heiß und werden ohne erkennbaren Grund immer schneller. Durch das Laufen selbst werden Adrenalin und andere Botenstoffe ausgeschüttet – besonders, wenn mehrere Pferde gemeinsam unterwegs sind und der Herdentrieb greift. Davon zu unterscheiden sind Pferde, die sich ein Wettrennen liefern: Hier liegt eher ein Brems- und Kommunikationsproblem vor. Auch ein unsicherer Reiter, der im Galopp unruhig wird oder klammert, kann das Durchgehen begünstigen.
Früherkennung: Das Pferd stoppen, bevor es durchgeht
Kommt der Schreck nicht völlig unvorhersehbar, kündigt sich das Durchgehen meist an: Die Muskulatur spannt sich an, der Hals richtet sich auf, der Kopf geht nach oben. Das Pferd fixiert einen Punkt in der Ferne und beginnt, nach vorne zu ziehen. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich.
Bemerkst Du diese Anzeichen, versuche Dein Pferd zu beruhigen und abzubremsen, bevor der Instinkt die Kontrolle übernimmt. Bleib dabei selbst ruhig, atme durch und gib klare, ruhige Hilfen – Hektik überträgt sich sofort auf das Pferd.
Ein durchgehendes Pferd bremsen
Geht das Pferd trotz aller Vorsicht durch, ist das Wichtigste: Ruhe bewahren. Panik des Reiters verstärkt die Panik des Pferdes. Atme ruhig und tief, setz Dich tief und schwer in den Sattel und versuche, Dein Pferd über das Gewicht zu verlangsamen.
Typische Reflexfehler sind das Vorbeugen oder der leichte Sitz – damit gibst Du den Rücken frei und das Pferd kann ungehindert weiterlaufen. Klemmende Beine treiben zusätzlich vorwärts. Auch starkes Ziehen an beiden Zügeln verschlimmert die Situation meist, weil der Schmerz das Pferd weiter anstachelt. Besser sind wechselnde Paraden an jeweils einem Zügel.
Erschweren lässt sich das Laufen, indem Du das Pferd bergauf lenkst. Auch tiefer Boden oder Wasser bremsen – Vorsicht jedoch vor Stolpern und Steckenbleiben, das ist im vollen Galopp lebensgefährlich.
Mit einem Notstopp, bei dem Du den Kopf seitlich herumnimmst, ist bei hohem Tempo große Vorsicht geboten: Das Pferd kann das Gleichgewicht verlieren und stürzen. Sicherer ist es, das Pferd zum Beispiel auf einem Feld auf eine große Kreisbahn zu lenken und den Kreis nach und nach zu verkleinern.
Gelingt all das nicht, bleibt als letzter Ausweg, das Pferd auf einem überschaubaren Weg auslaufen zu lassen, bis das Adrenalin abgebaut ist. Diese Methode birgt jedoch Risiken, etwa durch plötzlich auftauchende Fußgänger.
Der Notfall: Abspringen
Droht das Pferd mit Dir auf eine Straße oder in eine andere gefährliche Situation zu rennen, bleibt nur noch das Abspringen. Suche Dir dafür möglichst weichen Untergrund wie Wiese, Matsch oder Gebüsch. Versuche, Dich beim Aufprall abzurollen, nicht flach zu landen und so weit wie möglich vom Pferd wegzukommen, damit es Dich nicht mit den Hufen trifft. Helm und Sicherheitsweste können im Ernstfall schwere Verletzungen verhindern.
Vorbeugen durch feine Hilfengebung
Je besser Dein Pferd im Alltag auf Deine Hilfen reagiert, desto größer ist die Chance, dass es dies auch in Ausnahmesituationen tut. Die Arbeit an Durchlässigkeit und feiner Hilfengebung ist daher der beste Schutz vor dem Durchgehen.
Ebenso wichtig: Schmerzen als Ursache ausschließen, Sattel und Zäumung regelmäßig prüfen lassen und das Pferd mit Gelassenheitstraining auf ungewohnte Situationen vorbereiten. Wer regelmäßig im Gelände unterwegs ist, sollte außerdem einen verlässlichen Halt auf Signal gezielt üben.