Winterfell und Thermoregulation:
Wie sich Pferde bei Kälte warm halten
Mit den sinkenden Temperaturen im Herbst verändert sich das Erscheinungsbild von Pferden zusehends: Das Winterfell wächst. Das dichte Fell ist weit mehr als nur ein saisonaler Haarkleidwechsel. Es handelt sich um ein hochentwickeltes, funktionelles Schutzsystem, das den Pferdekörper effektiv vor Kälte, Wind und Nässe schützt. Wie die körpereigene Thermoregulation von Pferden im Detail funktioniert und woraus das Winterfell aufgebaut ist, erklärt dieser Beitrag.
Thermoregulation: Das natürliche Heizsystem des Pferdes
Pferde sind von Natur aus an ein Leben im Freien angepasst. Sie benötigen prinzipiell weder beheizte Ställe noch Eindeckungen, um kalte Temperaturen schadlos zu überstehen.
Die lebenswichtigen Organe liegen tief im Körperinneren und sind durch Fettgewebe, Muskeln, Haut und das Fell gut isoliert. Der zentralste Mechanismus der Wärmeregulierung ist jedoch die Steuerung des Blutkreislaufs:
Bei Kälte: Die Gefäße in der Haut verengen sich. Der Körper zieht das Blut aus den äußeren Gewebeschichten ab, um den Wärmeverlust über die Oberfläche zu minimieren und die Kerntemperatur im Inneren stabil zu halten.
Bei Hitze: Die Blutgefäße weiten sich, und das Blut zirkuliert verstärkt in der Haut. Durch zusätzliches Schwitzen kühlt die Haut ab, was auch die Temperatur des zurückfließenden Blutes senkt und das Pferd vor Überhitzung schützt.
Das Winterfell dient bei diesem Prozess als isolierende Pufferschicht direkt über der Haut.
Aufbau und Funktion des Winterfells
Das Winterfell setzt sich aus zwei spezialisierten Haarschichten zusammen: der dichten Unterwolle und dem feuchtigkeitsabweisenden Deckhaar.
Die Unterwolle (Isolationsschicht)
Die Unterwolle besteht aus kurzen, sehr dicht wachsenden Haaren. Sie bildet eine plüschige Isolationsschicht, die das Entweichen von Körperwärme verhindert und kalte Luft abblockt.
Bei extremer Kälte greift ein besonderer Reflex: Winzige Muskeln an den Haarbalgen richten die einzelnen Wollhaare auf. In den dadurch entstehenden Zwischenräumen bilden sich stehende Luftpolster. Diese wirken wie eine natürliche Dämmschicht gegen die Außenkälte (vergleichbar mit dem Mechanismus einer Gänsehaut beim Menschen).
Das Deckhaar (Nässeschutz)
Das darüberliegende Deckhaar schützt das Pferd vor Feuchtigkeit. Die langen Haare sind mit einem natürlichen Fettfilm (Talg) überzogen, der Wasser zuverlässig abperlen lässt.
Das Deckhaar ist so am Pferdekörper angeordnet, dass Regenwasser entlang der Konturen (Schultern, Flanken, Rückenseite) schnell nach unten abgeleitet wird. Dies ist entscheidend, da die Unterwolle selbst nicht wasserabweisend ist und bei Durchfeuchtung ihre Isolationsfähigkeit weitgehend verlieren würde.
Hintergrund: Bei anhaltendem Schneefall zeigt sich die Effizienz des Systems besonders gut: Bleibt der Schnee auf dem Pferderücken liegen, ohne zu schmelzen, funktioniert die Wärmedämmung nach außen perfekt.
Rasseunterschiede und Klimaanpassung
Pferderassen aus nördlichen Regionen (wie Isländer oder Shetlandponys) entwickeln natürlicherweise ein deutlich üppigeres Winterfell als Rassen südlicher Herkunft (wie Araber oder Iberer). Dennoch sind auch letztgenannte in der Lage, sich an kältere Klimazonen anzupassen. Eine solche genetische und physiologische Akklimatisierung benötigt jedoch Zeit und vollzieht sich über mehrere Jahre.
Unabhängig von Rasse und Fellfülle gilt: Ein geeigneter Witterungsschutz (z. B. ein Offenstallunterstand oder Unterstand auf der Weide) muss Pferden bei extremen Wetterlagen wie Dauerregen, Hagel oder Sturm immer zur Verfügung stehen.
Der Einfluss von Pferdedecken und Stallhaltung
Die Thermoregulation eines Pferdes funktioniert am besten, wenn der Organismus regelmäßig Reizen wie Temperaturschwankungen ausgesetzt ist.
Wird ein gesundes Pferd dauerhaft in beheizten Ställen gehalten oder frühzeitig eingedeckt, wird die körpereigene Wärmeregulierung nicht mehr ausreichend gefordert und fährt herunter.
Mögliche Nachteile beim Eindecken gesunder Pferde:
Keine punktuelle Temperatursteuerung: Der Pferdekörper reguliert seine Wärme immer ganzheitlich. Eine Decke schützt jedoch meist nur Rücken und Rumpf, während Beine, Kopf und Hals unbedeckt bleiben. Dies kann dazu führen, dass unbedeckte Partien frieren oder eingedeckte Bereiche überhitzen.
Mechanisches Niederdrücken der Haare: Eine Decke drückt das Fell flach. Dadurch wird das Aufrichten der Unterwolle verhindert und der natürliche Luftpolster-Effekt unterbunden.
Ausnahmen: Bei alten, kranken oder geschorenen Tieren sowie bei Pferden, die noch nicht an das regionale Klima angepasst sind, ist der Einsatz von Eindeckungen medizinisch und gesundheitlich sinnvoll, um Unterkühlungen zu vermeiden.